1.  Einleitung
  2. Geschichte der Capoeira
  3. Große Mestres
  4. Das Spiel
    1. Regional
    2. Angola
  5. Musik
  6. Graduierungen

1. Einleitung

Capoeira ist ein defensives und offensives Spiel zwischen zwei Capoeiristas, begleitet durch traditionelle Musik und Lieder. Sie fördert Beweglichkeit, Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung.

Capoeira ist ein afro-brasilianischer Kampfsport. Und noch vieles mehr. Man kann vieles unter ihr verstehen, wie Kampf, Tanz, Spiel, Kraft, körperlicher Ausdruck, List, Rhythmus, usw. Wichtig ist, dass sie neben einer Sportart vor allem auch eine Lebensphilosophie ist, die untrennbar mit der Geschichte der farbigen Sklaven in Brasilien und ihrer Jahrhunderte langen Auflehnung gegen Unrecht und Diskriminierung verbunden ist. Somit ist sie auch eine politische Sportart.

Jeder hat seine eigene Interpretation von dem was Capoeira ist und was sie für einen persönlich bedeutet. „Man muss Capoeira leben, um zu erfahren und zu verstehen was sich dahinter verbirgt.“

Genauso wie es nicht möglich ist den Begriff genau zu definieren, kann man auch seinen Ursprung nicht genau festmachen.

Es gibt verschiedene Auffassungen darüber, wie der Begriff entstanden sei. Beispielsweise wird behauptet der Name komme von einer Vogelart namens „odontophorus capoeira spix“, deren Männchen als besonders streitbar und eifersüchtig gelten oder von „capao“ (Kapaun), und sei somit auf die Hahnenkämpfe zurück zu führen.1 Andere Autoren gehen davon aus, dass der Name aus dem Tupi, der Sprache der Indigenen Brasiliens komme und eine Waldlichtung bezeichne.

Am wahrscheinlichsten ist es jedoch, dass der Begriff der Kreativität der versklavten Afrikaner zuzuschreiben ist. Sie mussten sich in den Kolonien auf verschiedenen afrikanischen wie indianischen Dialekten verständigen, daraus entstanden manchmal neue Sprachen und somit neue Begriffe, so vielleicht auch „Capoeira“.

2. Geschichte der Capoeira

Die Geschichte der Capoeira ist eng verknüpft mit der Geschichte der Kolonisierung Brasiliens. Nachdem Pedro Àlvarez Cabral im Jahre 1500 zum ersten Mal Brasilien betrat und das Land für Portugal in Besitz nahm, musste es für die portugiesische Bevölkerung bewohnbar gemacht werden.

Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich die Plantagenwirtschaft in Brasilien zum dominierenden Wirtschaftssystem. Der Anbau von Produkten wie Zuckerrohr, Baumwolle und Kaffee in großen Mengen brachte enorme Gewinne. Für den Anbau dieser Produkte in großen Mengen, war aber nicht nur ein beträchtliches Kapital und Landbesitz nötig, sondern vor allem auch eine hohe Zahl an Arbeitskräften.

Die indigene Bevölkerung Amerikas konnte den Bedarf an Arbeitssklaven schon seit der frühen Kolonialzeit nicht mehr decken, weswegen seit dem 16. Jahrhundert afrikanische Sklaven in hohen Zahlen nach ganz Amerika verkauft wurden. Zum Ende der Kolonialzeit hin nahm der Handel mit afrikanischen Sklaven enorm zu, allein im 19. Jahrhundert sollen etwa 1,7 Millionen afrikanischen Sklaven nach Brasilien verkauft worden sein.

All diese Sklaven brachten ihre Religion, ihre Lebensgewohnheiten und ihre ganz eigene Kultur mit. Bis heute ist vor allem der Bundesstaat Bahia stark geprägt von den kulturellen Einflüssen der afrikanischen Bevölkerung.

Im Laufe der Zeit vermischten sich die Traditionen verschiedener afrikanischer Stämme mit Gewohnheiten der eingeborenen Bevölkerung, Religionen wandelten sich überdeckt durch den Katholizismus und den Vorgaben der portugiesischen Herren.

„Der Ursprung der Capoeira- sei er afrikanisch oder brasilianisch- ist bis heute Gegenstand der Diskussion.“

Es gibt viele Verschiedene Theorien über die Entstehung der Capoeira und wenige literarische Quellen, die hilfreich sein könnten. Der größte Teil der heutigen Erkenntnisse beruht auf mündlichen Überlieferungen, Geschichten und Sagen.

Mache Autoren führen die Ursprünge der Capoeira auf einen afrikanischen Zebratanz den N’Golo zurück. Dieser afrikanische Tanz, den die Krieger eines Stammes aufführten wenn sie um eine Frau warben, habe sich in Brasilien dann immer mehr zu einem Kampf entwickelt.

Andere bringen die Entstehung der Capoeira mit den Sklavenplantagen und den entflohenen Sklaven um Zumbi dos Palmares und seinen Quilombos in Verbindung. Damals sei die Kampfkunst von den Sklaven entwickelt und als Tanz getarnt worden um der Verfolgung durch die Verwalter und Besitzer der Zuckerplantagen zu entgehen.

All diese Theorien besitzen einen hohen Wert als Kulturgut und als Überlieferung aus alten Zeiten, sind wissenschaftlich aber nicht zu belegen und in ihrem Wahrheitsgehalt durchaus zu bezweifeln. Interessant ist die Theorie Nestor Capoeiras, er datiert den Ursprung der Capoeira weit später als andere Autoren: „Capoeira ist zu verstehen als eine Mischung unterschiedlicher Kampfkünste, Tänze, Rituale und Instrumente aus verschiedenen Teilen Afrikas. Eine Mischung die auf brasilianischem Boden verwirklicht wurde, während der Herrschaft der Sklaverei wahrscheinlich in Salvador oder im Hinterland Bahias während des 19. Jahrhunderts.“

Er Beruft sich darauf, dass die ersten schriftlichen Überlieferungen und Beweise für die Existenz der Capoeira auf das frühe 19. Jahrhundert zu datieren sind. Dennoch ist nicht abzustreiten das Capoeira nicht auch schon früher existiert haben könnte. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass sie einige Zeit im Untergrund praktiziert wurde bevor die Machthaber überhaupt von ihrer Existenz erfuhren. Sicher ist jedoch dass diese frühe Form der Capoeira mit der, die wir heute kennen, wenig gemeinsam hatte.
1824 wurde Capoeira als „Tanz der Krieges beschrieben“, der deutsche Maler Rugendas machte Zeichnungen der Capoeiristas und schrieb: „Die Neger haben ein anderes, sehr viel gewalttätigeres Kriegsspiel- zwei Meister (Champions) stürzen sich aufeinander und versuchen, den Feind durch Kopfstöße zur Brust zu Fall zu bringen. (…) Außerdem ereignet es sich hin und wieder dass sie mit großer Wucht mit den Köpfen aufeinander prallen, so artet der Spaß zu Kampf aus; nicht selten beflecken Messer den Sport mit Blut.“

Auch anderen Quellen verweisen auf den gewalttätigen Charakter der Capoeira zu dieser Zeit.

Obwohl Capoeira zu dieser Zeit noch nicht explizit verboten war, wurden Capoeiristas verfolgt und verhaftet. Seit etwa 1814 wurden kulturelle Ausdrucksweisen der Sklaven durch die Machthaber mehr und mehr unterdrückt und verboten. Es gab ihnen ein Selbstvertrauen, das die Machtposition der weißen Herren gefährdete. Nach Abschaffung der Sklaverei 1888, wurde Capoeira dann auch gesetzlich verboten und mit Zwangsarbeit bestraft.

Capoeira blieb die Kampfkunst der Untergrundes, der marginalisierten farbigen Bevölkerung. Sie wurde vor allem in den großen Städten, in Rio, Salvador und Recife ausgeübt. Personen, die Capoeira ausübten, schlossen sich häufig in Banden zusammen und wurden von der Oberschicht gefürchtet. Capoeira wurde gleichgesetzt mit Kriminalität und Marginalität und gnadenlos von der Polizei verfolgt.

3. Große Mestres

Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) ist wohl die wichtigste Persönlichkeit in der neueren Geschichte der Capoeira. Ihm ist es zu verdanken, dass das Verbot gegen die Capoeira 1937 aufgehoben wurde und dass Capoeira heute in Brasilien den Status einer nationalen Sportart hat. Mestre Bimba ist der Begründer der Capoeira Regional und somit verdanken wir einen großen Teil dessen was heute in vielen Capoeira-Schulen gelehrt wird seiner Arbeit. Er wurde 1900 in Salvador da Bahia geboren und lernte Capoeira selbst in den Zeiten des Untergrundes und der Marginalisierung. Er begann aus dem Straßenkampf eine moderne Kampfkunst zu formen, indem er Elemente aus asiatischen Kampfsportarten in die Capoeira integrierte. So gelang es ihm die Effizienz der Kampfsportart zu erhöhen, die er „Luta Regional Bahiana“ nannte (daher der Name Capoeira Regional).

Zu dieser Zeit kam der Populist Getúlio Vargas an die Macht. Er versuchte die Massen für sich zu gewinnen und wollte das Nationalgefühl stärken, indem er sich auf die nationale Kultur berief. In diesem Rahmen erlaubte er auch die Ausübung der Capoeira in geschlossenen Räumen und nur mit Genehmigung der Polizei.

Mestre Bimba nutze dieses neue Gesetz und schuf die erste Capoeira-Akademie in Salvador da Bahia. Mit der Gründung dieser Akademie begann eine neue Epoche für die Capoeira, sie zog nun auch die Mittelklasse und das Bürgertum von Salvador an. Capoeira verlor zumindest teilweise das Makel der Armut und sozialen Marginalität, das ihr bis dahin an gehaftet hatte.

Die Entwicklung dieser neuen Stilrichtung ließ auch die traditionelle Capoeira nicht unberührt. Die wichtigste Persönlichkeit in diesem Zusammenhang ist wohl Mestre Pastinha (Vincente Ferreira Pastinha) der 1889 ebenfalls in Salvador geboren wurde.

Mestre Pastinha eröffnete seine Akademie weniger Jahre nach der Mestre Bimbas und praktizierte dort den traditionellen Stil, dem er in Abgrenzung zur „Capoeira Regional“ den Namen „Capoeira Angola“ gab. Seine Akademie wurde zu einem Ort an dem viele große Capoeiristas ihrer Zeit verkehrten und nach seinem Tod führten seine Schüler die Akademie weiter. Große Mestres wie Mestre João Grande und Mestre João Pequeno lernten damals bei Mestre Pastinha.

4. Das Spiel

In der Capoeira sind zwei Stilrichtungen zu unterscheiden. Die ältere traditionellere Form heißt Capoeira Angola. Die schnelle und dynamische Form nennt sich Capoeira Regional und wurde vor allem von Mestre Bimba entwickelt, der viele Techniken aus anderen Kampfsportarten in die Capoeira integrierte. Beiden gemeinsam ist jedoch die „malícia“, die Geschicklichkeit, denn im Spiel kommt es darauf an, seinen Gegner durch Schläue, Täuschungen und geschickte Manöver zu verwirren und in die Defensive zu drängen.

Gemeinsam ist beiden Stilen auch der Grundschritt, die „ginga“. Sie kann als eine Art Tanzschritt bezeichnet werden und sorgt dafür, dass ein „jogador“, ein Spieler, immer in Bewegung bleibt, selbst wenn er gerade keine Technik ausführt.

Die Grundlegenden Bewegungen sind Tritte, wie zum Beispiel der „martelo“ oder die „meia–lua“ und die „esquivas“, Bewegungen um den Tritten auszuweichen. Verschönert wird das Spiel durch die „floreios“, akrobatische Einlagen.

Das Spiel selbst wird von zwei „jogadores“ geführt, die miteinander spielen, das heißt sich gegenseitig treten und ausweichen, also herausfordern und provozieren. Sie berühren sich eigentlich nicht, außer sie passen nicht auf oder spielen ein „hartes Spiel“. Dabei kann man den Gegner auch umwerfen, was man übrigens auch lernt, um dem anderen dabei nicht schwer zu verletzen.

Die Unterschiede zwischen Angola und Regional liegen darin, dass Angola zunächst viel langsamer gespielt wird, die „jogadores“ bewegen sich mehr auf dem Boden und das Spiel ist noch hinterlistiger als beim Regional. Hierbei gibt es sehr viel Körperkontakt.

Dadurch, dass der Körper viel näher am Boden gehalten wird, werden die Muskeln mehr beansprucht und das Spiel erfordert viel Kraft und Fitness.
Das Spiel beim Regional ist, wie gesagt, viel schneller und dynamischer. Es beinhaltet auch mehr akrobatische Einlagen.

Die Bewegungen sind sehr ähnlich, variieren allerdings, da manche Angola-Bewegungen beispielsweise nicht für das schnelle Spiel beim Regional geeignet sind.

5. Musik

Es mag zunächst befremdlich klingen, dass eine Kampfkunst im Zusammenhang mit Musik, Gesang und Tanz praktiziert wird. Doch Musik und Tanz boten den Sklaven nicht nur die Möglichkeit, ihr kulturelles Erbe zu bewahren, sondern ließen zudem den Raum für die autonome Gestaltung des eigenen Ich. Religiöse und weltliche Feste im Zusammenhang mit Tänzen und Musik stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl der Sklaven und boten ihnen Möglichkeiten der Kommunikation.

Der Rhythmus, die Musik und die Lieder rufen die Kämpfer in die Roda und steuern den Kampf. Der Rhythmus bildet den Rahmen und bestimmt die Dynamik mit der die Kämpfer einander begegnen, ob langsam, katzenhaft wie in der Angola oder aber schnell, wirbelnd und akrobatisch, wie beim Regional. Immer aber bietet er den Raum für Spontaneität und Kreativität, macht die Beteiligten also nicht zum Objekt der Musik oder gar zu Marionnettengleichen Tänzern.

Anders als in den afro-brasilianischen religiösen Ritualen tanzt man sich in der Roda nicht in einen Trancezustand, im Gegenteil, wer in der Roda nicht bei klarem Bewusstsein ist und auch nur einen Moment lang die Kontrolle über seinen Körper verliert, kann sich schon im nächsten Augenblick empfindliche Verletzungen zuziehen oder aus Unvorsichtigkeit anderen zufügen.

Wer es ausprobiert, wird feststellen, dass Energie, die man in der Roda benötigt, nicht nur aus dem eigenen Körper kommt, sondern auch aus der Musik. Deshalb weißt jeder Meister seine Schüler an den Rhythmus mitzuklatschen und stets den Chor mitzusingen. Denn musikalische Langeweile oder Schüchternheit führt auch innerhalb der Roda dazu, dass die „jogadores“, die Spieler, einen langweiligen, zurückhaltenden Ausdruck annehmen.

Berimbau

Das Berimbau ist das wichtigste Instrument, das nie in einer Roda fehlen sollte. Mit seinem einzigartigen und typischen Klang leitet und steuert es das Spiel in der Roda, d. h. schnelles oder langsames Spiel wird von der Spielgeschwindigkeit des Berimbau gesteuert. Auch die Eröffnung und das Ende der Roda werden durch das Berimbau bestimmt, denn es ist das Instrument, das als erstes anfängt zu spielen.

Es gibt drei unterschiedlich große Berimbaus, die sich durch die verschiedene Tonlage auszeichnen, tief (Gunga), mittel (Medio) und hoch (Viola). Während die Gunga immer einen gleich bleibenden Rhythmus spielt, spielen die beiden anderen Variationen zum Grundrhythmus.

Atabaque

Die „Atabaque“ ist eine afrikanische Trommel, wie sie auch in zahlreichen anderen Kulturen Verwendung findet. Sie ist das Rhythmusinstrument, an dem sich das Pandeiro und das Klatschen orientieren.

Zusammen mit dem Berimbau und dem Pandeiro sind diese drei Instrumente die “Mindestausstattung” einer Roda.

Pandeiro

Das „pandeiro“ ist ein Tamburin und trägt neben der Atabaque und Klatschen zum Rhythmus bei.

Agogô

Das „agogô“ ist nicht zwingend notwendig, aber umso schöner, wenn es zusätzlich erklingt. Hauptsächlich wird das „agogô“ in der Angola benutzt. Das „agogô“ entstammt ebenfalls afrikanischen Ursprungs und sieht aus wie eine doppelte Kuhglocke.

6.Graduierungen

Bezeichnung – Kordelfarbe

Aluno Iniciante – weiß / weiß
Aluno Iniciante – weiß / gelb
Aluno Iniciante – gelb / gelb
Aluno Intermediário – weiß /orange
Aluno Intermediário – orange / orange

Monitor – blau / orange

(Estagiário – grün / gelb)

Graduado – blau / blau
Graduado – grün/ blau
Graduado – grün / grün
Graduado – lila / grün

Instrutor – lila / lila
Instrutor – braun / lila

(Estagiário – silber / silber)

Professor – braun / braun
Professor – braun / rot

Mestrando – rot

Mestre – schwarz

Literatur

  • Nestor Capoeira, Capoeira. Kamfkunst und Tanz aus Brasilien, 2. Aufl., Berlin 2000
  • Pfeisinger, Gerhard, Der Kaiser von Brasilien und King Cotton. Die Sklavereisysteme Brasiliens und der Südstaaten der USA im 19. Jahrhundert, in: Edelmayer, Friedrich (u.A.), Die vielen Amerikas. Die Neue Welt zwischen 1800 und 1930, Frankfurt am Main 2000
  • Röhrig Assunção, Matthias, Capoeira. The History of an Afro-Brazilian Martial Art, London/ New York 2005